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elektra

Wenn ich nicht den Drang hätte mir Dinge zu sagen, würde ich mich nicht ständig reden hören.

Die Tatsache, daß man im Kopf redet bedeutet nicht, daß man denkt, sondern bloß, daß man redet.

Schizophrenie im klinischen Sinne ist die Folge einer fixen Idee. An Schizophrenie erkrankte Menschen führen stetig und mit großem Ernst äußerlich unhörbare Selbstgespräche in den für die Kodierung und Dekodierung von Sprache zuständigen Regionen des Gehirns.(¹) Sie tun das, da sie ihre eigene innere Stimme nicht mehr wiedererkennen. In der Konsequenz halten sie ihre innere Stimme für eine selbständig denkende Instanz, welche ihnen die Ergebnisse ihrer Denkprozesse durch verbalisierte Gedanken verkündet.(2)

Die Erkrankten versuchen nach besten Kräften den Worten ihrer inneren Stimme Bedeutung zu geben. Gleichzeitig suchen sie in ihren eigenen Worten nach einem neuen Sinn, neuen Hinweisen, neuen Informationen. Die Anstrengung in einer inneren Sprachschleife zu denken ist bestenfalls sinnlos. Da diese sprachlichen Prozesse im Gehirn lokalisiert sind halten die Betroffenen diesen Prozess für den Vorgang den Denkens und das dabei entstehende Gefasel für ihre Gedanken. Es handelt sich um ein naives, kindliches Konzept wie menschliches Denken funktioniert.

Sprache kann in diesem Zusammenhang wie eine halluzinogene Droge wirken und umfassende Wahnideen und Wahnvorstellungen erzeugen.

Ab einem bestimmten Punkt sprechen die Betroffenen nicht mehr durch die innere Sprache, sondern die innere Sprache spricht durch sie hindurch. Sie beherrschen nicht mehr ihre innere Stimme, sondern werden durch die innere Stimme beherrscht.

Mit zunehmendem Fortschreiten der Selbstgespräche schwindet die Bewußtheit über die Eigenschaften des Vorgangs. Die Erkrankten fangen an sich unsinnige Erklärungen für die Entstehung der Stimme(n) auszudenken (Geister), anstatt festzustellen, daß sie selbst zu sich selbst sprechen und deshalb selbst die Verursacher der Stimme(n) sind.

Wären Menschen elektronische Roboter, könnte man von einem stummen, logischen Kurzschluss zwischen Sprachausgabemodul und Spracheingabemodul sprechen, der bestimmte Schaltkreise überlastet.

Die Therapie besteht darin, diesen Kurzschluss zu unterbrechen, das heißt, die Erkrankten sollten lernen, dass die Worte der inneren Sprache keine besondere Bedeutung haben können, und daß es keinen Sinn macht, dem Drang sich selbst Dinge zu sagen nachzugeben. Wenn sie die Worte ihrer inneren Stimme nicht mehr für ihre Gedanken halten und mit ihrer inneren Stimme einen spielerischen Umgang erlernen, werden sie ihr Problem langsam los.

Die Erkrankung kann prinzipiell jede Person treffen, die sich ernsthaft auf eine innere Einkehr zur Unterhaltung mit der inneren Stimme einläßt, in der Hoffnung dadurch Informationen zu gewinnen und Zusammenhänge zu verstehen.(3) Schizophrenie ist viel weiter verbreitet als heute allgemein angenommen wird. Es gibt in der Gesellschaft einen sehr großen Teil der Bevölkerung, der unter einem erschreckenden Maß von Realitätsverlust leidet.

Die Hauptschwierigkeit in der Therapie besteht darin, dass die innere Stimme in allem das letzte Wort hat. Eine weitere gewichtige Schwierigkeit besteht darin, dass schizophrenes Denken in weiten Teilen der Gesellschaft den vermeintlichen gesunden Menschenverstand darstellt.

(1): In extremen psychotischen Phasen kann man beobachten, wie sie eingebildete Personen ansprechen oder anschreien.

(2): Diese vermeintlichen selbständig redenden Instanzen oder Stimmen haben die unangenehme Neigung sich zu vervielfältigen.

(3): Ein Zusammenhang mit einer organischen Erkrankung ist nicht in jedem Fall auszuschließen.

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Schweinderl